'Einer für alle, alle für einen?' - Eigenverantwortung und Solidargemeinschaft aus christlicher Sicht
Die Vorbereitung
Unsere Arbeitsgruppe setzte sich zusammen aus:
- Elöd Ösz, Rumänien (Evangelisch-Reformierte Kirche Rumäniens, Siebenbürgischer Distrikt)
- Attila Batizan (Evangelisch-Reformierte Kirche Rumäniens, Siebenbürgischer Distrikt)
- Lukasz Skurczynski (Evangelisch-Reformierte Kirche in Polen)
- Seraphine Tay (Evangelisch-Presbyterianische Kirche in Togo)
- Friederike Miketic (Lippische Landeskirche)
- Sabine Hartmann (Lippische Landeskirche)
Um uns dem Thema anzunähern, haben wir zunächst einige Bereiche aus Gesellschaft, Politik, Bildung und Wirtschaft als für das Thema relevant gekennzeichnet. Es stellte sich heraus, dass folgende Bereiche den Gruppenmitgliedern als besonders zum Thema passend erschienen:
- Kirche
- Schule
- Soziale Absicherung
- Familie
- Chancengleichheit
- Starker (Sozial-)Staat
- Entlohnung
- Steuern
Bei dieser Bewertung spielte der eigene lebensweltliche Kontext eine große Rolle. So nannten beispielsweise die Teilnehmenden aus Polen, Rumänien und Togo die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit hinsichtlich der Chancengleichheit als wichtigen Punkt. Dieses bezog sich u.a. auf die Frage der Frauenordination im kirchlichen Sektor, aber auch auf die Frage nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit.

Die Frage nach dem starken Staat bewegte vor allem die Osteuropäer. Lehnten sie auch das Konzept des starken Staates im Kommunismus ab, so waren sie doch der Meinung, in ihren Ländern würden die meisten Menschen zu wenig für das Gemeinwohl aufbringen. Auch die Verantwortung der Kirche für die Menschen und umgekehrt bewegte die Teilnehmenden.
Für die Familie war es ihnen wichtig, dass jedes Mitglied Verantwortung für sich selbst übernehmen, aber auch solidarisch für das Gesamtgefüge agieren müsse.
Anschließend haben wir einen im Vorfeld ausgewählten Bibeltext, der uns zum Thema passend erschien, in Form der Methode des Bibelteilens bearbeitet. Es handelt sich um 1. Korinther 12, 12 bis 27. Der Text wurde reihum gelesen, danach sprachen die Teilnehmenden für sie wichtige Worte und Passagen des Textes laut aus und anschließend wurde der Text diskutiert. Dabei wurden nach allgemeinen Impulsen und Gedanken zum Text schnell Verbindungen zum Thema geknüpft, z.B.:
- Das Bild des Körpers, das Paulus für die kirchliche Gemeinschaft wählt, strahlt ins soziale Gefüge hinein, da Kirche immer auch in der Gesellschaft steht.
- Die benannten Körperteile haben jeweils eigene Funktionen, sind aber auch für das Gesamtgefüge verantwortlich.
- Den schwachen Gliedern wird besonderes Augenmerk gewidmet.
In einem nächsten Schritt haben wir überlegt, wie wir über den Text und das Thema im Berufskolleg und auf dem Marktplatz mit den Menschen ins Gespräch kommen können.
Umsetzung des Themas im Berufskolleg
Drei Kurse der Jahrgangsstufe 12 (gymnasialer Zweig, Schwerpunkt Erziehungswissenschaft) kamen am 1. April 2011 für 90 Minuten Religionsunterricht im Lüttfeld-Berufskolleg in Lemgo zusammen.
Unsere Zielsetzung im Berufskolleg sah folgendermaßen aus:
- Zeigen, dass Welt- und Eigen-Verantwortung und christlicher Glaube zusammen hängen
- Mit einem interessanten Religionsunterricht ein anderes Bild von Kirche vermitteln
Folgendes Konzept kam zur Geltung:
- Begrüßung/Vorstellung des Gesamtprojekts „andere sichten“ im Plenum
- Warm up zum Thema im Plenum (unter Mitwirkung des Detmolder Theaterpädagogen Matthias Brandt).
- Kleingruppenarbeit: Körperteil-Puzzle mit Ausschnitten des o.g. Bibeltexts zusammen setzen; Aussuchen des für die Kleingruppe wichtigsten Satzes und Vorstellung im Plenum.
- Diskussion über die ausgesuchten Sätze im Plenum; Verknüpfung zu gesellschaftlichen Themen (über in die Klasse hineingegebene Thesen). Dabei kommt die Lebenswelt der Schüler/innen zum Ausdruck, aber auch die jeweiligen Bezüge der ökumenischen Gäste.
- Kreative Zusammenfassung (unter Mitwirkung des Theaterpädagogen Matthias Brandt).
Feedback und Auswertung:
Auch wenn das Gespräch mit den Schüler/innen nur stockend in Gang kam, so waren sie doch sehr aufmerksam (vor allem im Hinblick auf die für sie fremden Lebenszusammenhänge der ökumenischen Gäste) und öffneten sich letztendlich sogar auf sehr persönlicher Ebene. Die Körperarbeit-Elemente des mitwirkenden Theaterpädagogen wurden nach kurzem Zögern bereitwillig angenommen und mit viel Spaß ausgeführt.
Ein Gespräch über den Glauben kam wenig zustande; zu den Aspekten „Eigenverantwortung“ und „Solidarität“ gab es aber durchaus Diskussionsansätze. Vermutlich hätten wir als Vorbereitungsgruppe noch mehr mit sehr einfachen lebensweltlichen Beispielen der Schüler/innen arbeiten müssen.
Einige Äußerungen der Schüler/innen machten deutlich, dass sie uns klar als kirchliche Vertreter/innen wahrgenommen haben. Ein kleiner Applaus zum Schluss lässt darauf schließen, dass es für die Schüler/innen interessant gewesen ist, von kirchlichen Vertreter/innen einmal eine andere Form des Religionsunterrichts zu erleben als die herkömmliche.
Umsetzung des Themas auf dem Marktplatz in Detmold
Am Nachmittag des 1. Aprils 2011 begab sich die Vorbereitungsgruppe auf den Detmolder Marktplatz. Hier waren vor allem Menschen unterwegs, die sich zum Einkaufen in der Detmolder Innenstand befanden.
Die Zielsetzung auf dem Marktplatz sah folgendermaßen aus:
- Zeigen, dass Welt- und Eigen-Verantwortung und christlicher Glaube zusammen hängen
- Menschen eher zuhören als ihnen etwas zu erzählen und so ein anderes Bild von Kirche vermitteln
Folgendes Konzept kam zur Geltung:
- Die Kindergruppe der Grundschule Reelkirchen machte immer mal wieder mit Trommeln auf die Aktion aufmerksam.
- Passanten wurden in persönlicher Begegnung eingeladen zu Kaffee und Tee und Gesprächen; dabei wurde der Bibeltext mit den von der Vorbereitungsgruppe gewählten gesellschaftlichen Themenaspekten verknüpft (s.o.).
- Diejenigen, die sich nicht zu Kaffee und Tee einladen ließen, wurden mit Hilfe von Texttafeln, auf denen auf der einen Seite die thematischen Teilaspekte und auf der anderen Seite der letzte Vers des oben genannten Bibeltextes zu lesen waren, angesprochen.
- Zeitgleich wurde über Mikro immer mal wieder laut der gesamte Bibeltext in Abschnitten verlesenen. In den Text eingebettet befanden sich Statements zu den erarbeiteten Themenaspekten.
Feedback und Auswertung:
Es ließen sich nicht so viele Menschen zu Kaffee und Tee einladen (das eher feucht-kühle Wetter trug dazu auch nicht besonders bei). Diejenigen, die sich einladen ließen, waren aber schnell in intensive Gespräche mit den Vorbereitenden vertieft.
Es war eine gute Überlegung, diejenigen, die sich nicht zu Kaffe und Tee einladen ließen, mit den Schildern (s.o.) anzusprechen. Die meisten waren bereit zur Diskussion – zumal die Vorbereitenden deutlich machten, dass diese von kurzer Dauer sein könnte. Als besonders hilfreich erwies sich der „Verfremdungseffekt“: Wenn die Durchführenden der Aktion sich als ökumenische Gäste der Landeskirche vorstellten, fiel es vielen Passanten leichter, sich auf ein Gespräch einzulassen. Die Gäste hatten so Gelegenheit, das Thema und den Bibelvers in ihrem jeweiligen Kontext anzusprechen und den Menschen mit ihren Gedanken und Ideen dazu zuzuhören.
Den angesprochenen Menschen war durch visuelle Hinweise (Banner, Logo) deutlich, dass es sich bei der Aktion um eine Veranstaltung der Lippischen Landeskirche handelte. In den Gesprächen sagten viele von ihnen, dass sie es wertschätzten, dass Kirche sich aus ihren „angestammten“ Räumen hinaus bewege. Gleichzeitig wurde auch viel Kritik an der Kirche geübt – diese ziehe sich zu sehr aus sozialer Verantwortung zurück und würde bei wichtigen Themen nicht genug Stellung nehmen.
Zum eigentlichen Thema und dem Bibeltext nahmen allerdings nicht alle Angesprochenen Stellung oder wollten von den sie Ansprechenden etwas dazu hören. Offenbar war es manchen Passanten wichtiger, über die Kirche allgemein ins Gespräch zu kommen.
Fazit
Das ganze Projekt war ein äußerst lohnenswertes Unternehmen. Schon die intensive thematische und biblische Vorarbeit hat im Austausch miteinander zu vielen Anregungen geführt.
Die ökumenischen Gäste haben uns lippischen Beteiligten gezeigt, dass es möglich ist, Menschen in der Öffentlichkeit mit der biblischen Botschaft anzusprechen. Und nicht zuletzt die überwiegend positiven Reaktionen der Schüler/innen und der Passanten hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, sich als Kirche mit der Bibel an öffentliche Orte zu begeben.


